Unser GD Wolfgang Hesoun gibt im profil 05/30.01.2012 ein ausführliches Interview.
Siemens-Generaldirektor Wolfgang Hesoun über Korruption, Kernkraft und Klassenkampf.
profil: Wir haben im Geschäftsbericht gelesen, dass Siemens Ratings für die Kunden macht. Hat die Republik Österreich bei Ihnen noch ein Triple-A?
Hesoun: Der Begriff Rating ist etwas hoch gegriffen, wir machen Bewertungen. Und die Republik Österreich ist für uns ein ganz wichtiger Kunde und wird es auch bleiben.
profil: Verstehen Sie die Beweggründe von Standard & Poor’s, oder waren Sie genauso baff wie die Finanzministerin?
Hesoun: Wir können die Vorgangsweise dieser Herrschaften sehr schwer nachvollziehen. Wenn ich die Relationen zwischen Europa und den USA sehe, habe ich Probleme. In den USA gibt es einige Staaten, die den Status von Griechenland weit überschritten haben, und das seit vielen Jahren. Die werden offensichtlich unter anderen Gesichtspunkten behandelt.
profil: Die österreichischen Banken haben gerade enorme Schwierigkeiten wegen ihrer Osteuropa-Engagements. Wie groß sind Ihre Probleme in dieser Region?
Hesoun: Wir sehen die täglichen Katastrophenmeldungen in unseren Zahlen noch nicht. Der reale Bedarf ist auch in den Ländern, für die wir zuständig sind, gegeben. Im Gegensatz zu manch anderen Bereichen in Westeuropa, wo der Investitionsgrad schon sehr hoch ist. Die Staaten kommen teilweise auch nicht drum herum, in ihre Infrastruktur zu investieren.
profil: Siemens Österreich musste gerade eine Dividende von einer Milliarde Euro an die Konzernmutter abliefern …
Hesoun: … durfte! Nicht: musste. Ich bin da schmerzfrei. Es ist ja nicht mein Geld, es gehört dem Unternehmen.
profil: Das ist ganz schön viel für ein Unternehmen, das gerade einmal ein operatives Ergebnis von 71 Millionen Euro erwirtschaftet hat.
Hesoun: Die Dividendenpolitik ist Sache des Eigentümers. Ein Problem gäbe es aus meiner Sicht nur, wenn uns das Geld für Investitionen fehlen würde. Das ist aber nicht der Fall. Wenn Investitionen erforderlich sind, gibt es das klare Bekenntnis des Eigentümers, diese zu ermöglichen.
profil: Aber die Höhe der Dividendenforderung dürfte selbst Sie überrascht haben. Voriges Jahr waren es 400 Millionen Euro, und Sie haben von einem „Weihnachtsgeschenk, das es nicht jedes Jahr geben kann“, gesprochen.
Hesoun: Und ich habe Recht behalten. Heuer war es schließlich eine Milliarde. Spaß beiseite: Der Großteil davon stammt aus außerordentlichen Erträgen.
profil: Im Jahr 2006 wurde bekannt, dass Siemens über geraume Zeit hinweg Schmiergelder zur Auftragsanbahnung eingesetzt hatte. Die Korruptionsstaatsanwaltschaft ermittelt immer noch gegen mehrere ehemalige Manager von Siemens Österreich. Was ist dran an den Vorwürfen?
Hesoun: Das Verfahren ist anhängig. Ich bin seit eineinhalb Jahren hier. Zur Vergangenheit kann und will ich nichts sagen.
profil: Aber Sie haben sich doch sicher ein Bild verschafft.
Hesoun: Ich kann die Tätigkeit der mutmaßlich Beteiligten nicht beurteilen. Ich fürchte, ich kann Ihnen da nicht helfen.
profil: Wie aktiv hat Siemens an der Aufklärung mitgearbeitet?
Hesoun: Wir kooperieren mit den Behörden und haben alle Unterlagen zur Verfügung gestellt, um die man bei uns angefragt hat.
profil: Gegen Ihren früheren Arbeitgeber, den Baukonzern Porr, gibt es ebenfalls Korruptionsvorwürfe. Das gesamte Porr-Management – Sie eingeschlossen – hat sich bei der Staatsanwaltschaft der Aussage entschlagen. Warum haben Sie das getan?
Hesoun: Das war der Rat der Juristen. Warum soll man sich einem juristischen Rat verweigern?
profil: Offenbar hatte eine ganze Reihe von Porr-Mitarbeitern den Eindruck, sie könnten sich selbst belasten. Aus einem anderen Grund entschlägt man sich ja nicht der Aussage.
Hesoun: Ich kann Ihnen dazu nicht mehr sagen. Ich habe damals getan, was mir die Rechtsanwälte geraten haben. Punkt. Das Thema Porr sollten Sie besser mit der Porr abhandeln.
profil: Es ist der Eindruck entstanden, dass man eine gewisse Art von Geschäften nur mit unsauberen Methoden machen kann. Nicht zuletzt in der Bau- und Immobilienbranche.
Hesoun: Ich weiß aus meiner persönlichen Vergangenheit, dass das nicht stimmt. Man darf eben nicht alles machen. Das liegt im Ermessen derer, die sich um Aufträge bemühen. Ich halte es auch für ein Gerücht, dass man in Osteuropa ohne irgendwelche Macheloikes kein Geschäft machen kann.
profil: Ihr ehemaliger Porr-Vorstandskollege Horst Pöchhacker ist da etwas anderer Meinung.
Hesoun: Das kann sein.
profil: Pöchhacker hat in einer ÖBB-Aufsichtsratssitzung, bei der es um fragwürdige Lobbyistenzahlungen in Osteuropa ging, gesagt: „Ich komme aus der Bauwirtschaft. Wir haben keinen ungarischen Auftrag ohne irgendeinen ähnlichen Lobbyingabschluss erhalten.“
Hesoun: Hochinteressant. Ich will aber Einzelmeinungen nicht kommentieren. Ich kann nur sagen: Wenn wir heute für ein Großprojekt anbieten, dann brauchen wir dafür keine Berater.
profil: Siemens hat kein Lobbyingbudget?
Hesoun: Wir betreiben Öffentlichkeitsarbeit unabhängig von irgendwelchen Projekten. Also Zeitungsinserate oder Kundenveranstaltungen. Das ist alles. Es gibt bei uns auch keinerlei Lobbyisten. Wir prüfen sehr genau, bevor irgendjemand für Siemens tätig werden kann. Wir wollen uns nur mit Partnern umgeben, die unseren Überprüfungen standhalten, um Fehler aus der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Das wird durchgezogen.
profil: In der vergangenen Woche musste Siemens ziemlich schlechte Quartalszahlen bekannt geben. Schuld daran war vor allem die Solar- und Windenergie. Setzt Siemens da auf die falsche Technologie?
Hesoun: Sicher nicht. Der Zug des Konzerns in Richtung Zukunftstechnologien ist davon nicht aufzuhalten. Wir versuchen nur, für unsere Risiken entsprechend vorzusorgen, sobald wir sie erkennen. Jede neue Entwicklung birgt auch Risiken. In dem Fall geht es um zeitliche Verzögerungen, die man lösen wird, nicht um inhaltliche. Die Wachstumschancen in diesen Bereichen überwiegen die Risiken bei Weitem.
profil: Siemens hat nach dem Unglück in Fukushima den Ausstieg aus der Nuklearindustrie verkündet. Haben Sie sich von der allgemeinen Hysterie anstecken lassen?
Hesoun: Die Strategie Nuklear ist von anderen Themen völlig zu trennen. Das war ein mittelfristiger Vorgang, der von München gesteuert wurde. Wir nehmen das zur Kenntnis. Ich glaube, dass der Ansatz, in Green Technologies zu investieren, der nachhaltigere Weg ist. Wenn man sich alleine unseren Markt anschaut – und wir sind von hier aus für 19 Länder in Zentral- und Osteuropa zuständig -, dann ist speziell dort der Nachholbedarf enorm.
profil: Siemens macht mehr als die Hälfte des Umsatzes mit Bund, Ländern oder staatsnahen Unternehmen. Wie unterscheiden sich Unternehmen der öffentlichen Hand von anderen Kunden?
Hesoun: In erster Linie ist der Prozess ein anderer. Ein öffentlicher Auftraggeber macht eine Ausschreibung, und dann gilt üblicherweise das Billigstbieterprinzip. Da ist dann nicht mehr Verhandlungsspielraum gegeben.
profil: Aber es hilft sicher, dass Österreich so ein kuscheliges, kleines Land ist, wo jeder jeden kennt. Ihr ehemaliger Porr-Kollege Pöchhacker sitzt im Aufsichtsrat der ÖBB, eines der wichtigsten Siemens-Kunden. Die Frau des ÖBB-Chefs ist zudem in einer Führungsposition bei Siemens …
Hesoun: Eveline Steinberger-Kern ist in der Energiesparte tätig, die mit den ÖBB inhaltlich und geschäftlich überhaupt nichts zu tun hat. Ich selbst kenne ÖBB-Chef Christian Kern auch schon seit einer Ewigkeit.
profil: Eben …
Hesoun: Das hat aber keinen Einfluss auf Arbeitsprozesse zwischen Siemens und den ÖBB. Glauben Sie wirklich, die ÖBB würden uns zu ihren eigenen Lasten entgegenkommen? Die Bahn ist einer der härtesten Verhandlungspartner, die ich kenne. Ich wünsche jedem, dort einmal zu Verhandlungen anzutreten. Da kriegen Sie nichts geschenkt. Ich weiß zwar nicht, ob das beim Inseratenverkauf auch so ist, aber vermutlich schon.
profil: Aber Sie verstehen schon, worauf wir hinauswollen? Ihr Pressesprecher bei Siemens war, nebenbei bemerkt, schon Sprecher Ihres Onkels Josef Hesoun, des früheren SP-Sozialministers.
Hesoun: Stimmt, er ist unter Brigitte Ederer zu Siemens geholt worden. Aber ich gebe Ihnen schon Recht, dass man sich bei der Größe des Landes zwangsläufig kennt.
profil: Ihre Vorgängerin Brigitte Ederer war viele Jahre SPÖ-Nationalratsabgeordnete, Sie selbst haben nie einen Hehl aus Ihrer politischen Heimat gemacht. Hilft es als Siemens-Generaldirektor, wenn man eine Nähe zur SPÖ hat?
Hesoun: Nein, das ist in der Wirtschaft wurscht. Dass ich eine persönliche Affinität zur SPÖ habe, werde ich nicht bestreiten. Das wäre mit meinem Namen auch völlig sinnlos. Ich stehe dazu, werde deswegen aber nirgendwo besser behandelt. Ich habe zu ÖVP-Exponenten außerdem mindestens so gute Kontakte wie zu SPÖ-Leuten. Ich bin kein Parteimensch und bewege mich auch in keinen Zirkeln. Ich weiß, was ich wähle. Das ist es. Für mich zählt nur Leistung.
profil: Wenn das alles keine Rolle spielt – woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Österreich in allen Korruptionsindizes so weit vorne liegt?
Hesoun: Mich erstaunt das auch, was in einer gewissen Zeit alles funktioniert hat. Wenn man all das addiert, was man in der Zeitung liest, braucht man sich nicht wundern, dass sich das in irgendwelchen Indizes widerspiegelt.
profil: Sie sprechen die Jahre der schwarz-blauen Regierung an. Apropos: Was haben Sie damals von den Tätigkeiten der Herren Peter Hochegger und Walter Meischberger mitbekommen.
Hesoun: Nur, was damals in der Zeitung stand. Ich habe mit keinem der beiden jemals persönlichen Kontakt gehabt.
profil: Haben Sie ein Verständnis dafür, was die Telekom Austria in Zusammenarbeit mit Peter Hochegger getrieben hat – also mit viel Geld Kontakte zu entscheidenden Persönlichkeiten zu kaufen?
Hesoun: Ich kann das nicht nachvollziehen.
profil: Sie haben sich kürzlich gegen eine Schuldenbremse in der Verfassung ausgesprochen. Haben Sie Angst um Ihre Aufträge?
Hesoun: Ich habe gewarnt, dass aufgrund der Mechanismen unserer Budgetierung die Gefahr sehr groß ist, dass die Schuldenbremse sich primär im Bereich der Investitionen abspielen wird und damit zu einer Konjunkturbremse werden kann. Ich bin absolut dafür, dass man einspart – auch im öffentlichen Bereich. Mit Einmaleffekten erreiche ich zwar die Einsparungen im Budget, aber es gibt keine nachhaltige Wirkung.
profil: Sie wählen SPÖ und sind Anhänger ihrer Inhalte …
Hesoun: … das ist eine unzulässige Verkürzung. Ich habe bloß gesagt: Ich wähle sie.
profil: Was halten Sie von einer Reichensteuer?
Hesoun: Ich halte wenig von Klassenkampfthemen. Man sollte sich dort Geld holen, wo es Doppelgleisigkeiten gibt. Ich wehre mich auch nicht dagegen, dass Reiche einen Beitrag leisten. Damit alleine wird man aber die Ziele nicht erreichen können. Und dann sind wir bei der Frage: Wer ist reich?
profil: Oder bei der Frage nach Steuergerechtigkeit.
Hesoun: Wenn es für eine gewisse Zeit Zuschläge auf die Einkommensteuerspitzensätze gäbe, würde ich mich dagegen nicht wehren. Und was ich sicher forcieren würde, ist eine Börsenumsatzsteuer. Warum gerade in diesem Sektor keine Abgaben zu zahlen sind, erschließt sich mir überhaupt nicht. Bei der Besteuerung von Umwidmungsgewinnen geht die Diskussion auch schon in die richtige Richtung. Auch die diskutierte Sondersteuer für Beamte kann ich mir als eine Art Solidarbeitrag vorstellen. Als Ausgleich dafür, dass in dieser Gruppe das Risiko auf Arbeitslosigkeit kaum besteht.
profil: Bleiben wir beim Thema Arbeitslosigkeit: Können Sie sich vorstellen, einen sehr jungen Mann mit wenig Berufserfahrung als Büroleiter einzustellen? Sein Name ist Nikolaus Pelinka.
Hesoun: Ich glaube, es ist bekannt, dass wir in der Richtung keine Vakanzen haben.
Roter Pragmatiker
Manchmal wird einem der Abschied besonders leicht gemacht: Ende Jänner 2010 durchsuchten Polizeibeamte auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Wien mehrere Niederlassungen der Porr AG nach Beweisen für unsaubere Provisionen, die der Baukonzern an die Lobbyisten Peter Hochegger und Walter Meischberger überwiesen haben soll. Wenige Monate später verkündete Wolfgang Hesoun, der 2007 seinem Förderer Horst Pöchhacker im Chefsessel der Porr nachgefolgt war, den Wechsel zu Siemens. Als Vorstandsvorsitzender von Siemens Österreich ist der gelernte Ingenieur für Feinwerktechnik für 19 Länder in Zentral- und Osteuropa verantwortlich. Hesoun entstammt einer sozialdemokratischen Familie, sein Onkel Josef war von 1990 bis 1995 SP-Sozialminister.