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Kommentar in der Süddeutschen Zeitung: In Zeiten leerer Kassen zeigt sich die Schwäche der Siemens-Strategie

Geschrieben von michimueller am 26. Januar 2012

Einen kritischen Kommentar über die Entwicklungen bei Siemens liefert die Süddeutsche Zeitung (Autor: Thomas Fromm).

Megatrend Krise

In Zeiten leerer Kassen zeigt sich die Schwäche der Siemens-Strategie

Von Thomas Fromm

Der Wandel kam schleichend daher. Irgendwann zeigte Siemens bei seinen Pressekonferenzen keine bunten Hochglanzbilder mehr von kleinen Handys und Telefonanlagen. Stattdessen tauchten in der Bildsprache des Münchner Weltkonzerns neue Motive auf: Stilisierte Darstellungen von gigantischen Skylines chinesischer Mega-Metropolen, Schienennetzen in Russland, futuristisch designten Medizintechnik-Geräten aus kalifornischen Kliniken, in denen es aussah wie in einem Raumschiff. Es war die Zeit um 2005. Es war eine Ära des Umbruchs. Die Zeit, in der Siemens die Megatrends der Zukunft für sich entdeckte.

Handys raus, Megatrends rein. Der damalige Siemens-Chef Klaus Kleinfeld verabschiedete sich vom kleinteiligen und schnelllebigen Kundengeschäft und sprach fortan von Metropolen, die immer größer würden. Von der Überalterung der Gesellschaft, von hochkomplexer Verkehrstechnik, von hocheffizienten Energielösungen. Siemens war ab sofort zuständig für die Lösung aller Zukunftsprobleme. Und vor allem: Die Manager hatten sich frei gemacht von den Schwankungen der Konjunktur. Glaubten sie.

Sie irrten sich mächtig. Als Kleinfeld vor Jahren die Strategie von den Megatrends festzurrte, hatte er einen noch nicht im Blick: Den Megatrend Krise. Heute müssen seine Nachfolger an der Konzernspitze erkennen, dass das große Industrie-Geschäft mit Kraftwerken, Windturbinen, Solartechnik, Computertomographen und Automatisierungstechnik für Fabriken langfristig kalkulierbarer sein mag als das mit den kleinen Handys – aber nicht unbedingt sicherer. Sonderbelastungen wegen Ärger bei der Genehmigung von Hochseeplattformen für Umspannwerke, Verzögerungen bei der Auslieferung von Schnellzügen an die Deutsche Bahn – ausgerechnet die Megatrends machen Megaprobleme. Das Geschäft mit großen Auftraggebern ist nicht nur politischer, es ist auch komplexer als das Tagesgeschäft mit den Endverbrauchern. Das begreift Siemens erst allmählich. Denn es ist nicht mehr der Privatkunde, der mit seinen Kaufentscheidungen über die Siemens-Bilanzen mit entscheidet. Es sind heute – zu einem großen Teil – die öffentliche Hand und die Industrie. In Deutschland, den USA, in Asien. Nur wenn es den Staatshaushalten gut geht, investieren die Länder in ihre Infrastrukturen. In den Ausbau der Stromnetze, in moderne Krankenhäuser und intelligente Straßenführung. Geht es ihnen schlecht, stocken die Investitionen. Oder es steigt der Preisdruck.

Es trifft Siemens daher besonders hart, wenn europäische Staaten ihre Investitionen wegen der Schuldenkrise massiv zurückfahren und in den USA die Ausgaben im Gesundheitssystem gedeckelt werden In Zeiten weltweiter Rezessionsängste fällt der Großkunde oft schneller aus als der Privatkunde. Nicht nur Siemens bekommt das in diesen Wochen zu spüren. Auch bei direkten Konkurrenten wie dem US-Koloss General Electric (GE) und dem niederländischen Elektrokonzern Philips rücken die Einschläge näher. Es gibt zwar Lichtblicke in München: Noch hat der Konzern ein dickes Finanzpolster, das ihm hilft, einigermaßen durch die Krise zu kommen. Und die Deutschen haben in den vergangenen Jahren ihr Geschäft in Schwellenländern immer weiter ausgebaut. Das hilft ihnen heute, die Euro-Krise zumindest ein wenig abzufedern. Sich ihr entziehen aber können sie nicht.

Der Erzrivale GE könnte von den Schwächen der Münchner profitieren. Die Amerikaner haben angekündigt, dass sie im schwachen Europa-Geschäft verschärft sparen wollen. Sie können es sich leisten, denn sie hängen weniger an den Entwicklungen in Europa als Siemens. Man müsse nun “hart arbeiten”, um seine “Ziele zu erreichen”, kündigt Konzern-Chef Peter Löscher an. Solche Sätze sind an die Mitarbeiter gerichtet. Sie bedeuten: Es wird ungemütlich.

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