Im aktuellen “News” (Nr. 46/11 vom 17.11.2011) führt Iris Brüggler ein Interview mit Brigitte Ederer, der obersten Personalchefin der Siemens AG und für das Schicksal von etwa 400.000 Beschäftigten weltweit verantwortlich.
»Daheim gibt’s für mich nur Hilfsdienste«
Brigitte Ederer. Die Personal- und Europachefin des Siemens-Konzerns führt 360.000 Menschen. Im NEWS-Interview spricht die Wienerin über Außerberufliches und zeigt ihr Leben in München.
Wenn sich Brigitte Ederer für ein Foto zurechtmacht, nimmt sie rasch die Haarbürste aus der Tasche, frisiert einmal durch und trägt noch ohne Spiegel kurz Lippenstift auf. “Fertig“, sagt sie und strahlt in die Kamera. Dennoch: Ein bisschen eitel ist die mächtigste Österreicherin dann doch, denn mit Brille will sie nicht fotografiert werden: “Die steht mir nicht.“ Sie lächelt wieder und erklärt sich bereit zur Erkundung der anderen Heimatstadt München. Vor eineinhalb Jahren wurde die leidenschaftliche Wienerin hierher in die Konzernzentrale von Siemens gerufen. Seither ist sie als Personal- und Europachefin für die 360.000 Mitarbeiter des Weltunternehmens zuständig. Ihr Vorstandsgehalt liegt bei geschätzten 2,8 Millionen Euro im Jahr. Keine zweite Österreicherin ist derzeit so erfolgreich wie sie, und so führt Ederer jedes Ranking der wichtigen Businessfrauen des Landes souverän an.
Für NEWS nahm sich die frühere SPÖ-Politikerin Zeit, um durch München zu führen und zu erzählen, wie sie in dieser Stadt arbeitet und wo sie ihre rare Freizeit verbringt. Denn im Grunde ist jede Minute verplant. “Seit 28 Jahren, damals war ich 27 und wurde Abgeordnete zum österreichischen Nationalrat, eile ich von einem Termin zum nächsten. Wenn mich jetzt der Siemens-Vorstandsvorsitzende Peter Löscher anruft und sagt: ‚Fahren Sie bitte nach Brasilien‘, dann sitze ich morgen im Flugzeug dorthin“, so Ederer im Interview mit NEWS. Dabei reist sie nicht einmal sonderlich gern, sondern ist am liebsten zuhause in Wien gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem SPÖ-EU-Abgeordneten Hannes Swoboda.
Ederer lacht und geht zielgerichtet von ihrem Büro im vierten Stock der Siemens-Zentrale ins nahe gelegene Franziskanerbräu: Der Obazte, ein Käse mit viel Butter versetzt, und dazu ausnahmsweise ein Bier, weil es schon fast 19 Uhr ist, schmecken.
NEWS: In Wien wurden Sie unlängst beim Einkaufen im zweiten Bezirk gesehen. Wie viel Zeit bleibt Ihnen für diese alltäglichen Notwendigkeiten?
Brigitte Ederer: Ja, mir macht niemand die Einkäufe, leider! Also kaufe ich für das Wochenende, wenn ich mit meinem Mann daheim in Wien bin, am Karmelitermarkt ein. Und zwar Lebensmittel für uns und Obst oder Kleinigkeiten für meine Mutter. Und wenn ich etwas vergessen habe, dann gehe ich noch zum Lebensmittelladen ums Eck.
NEWS: Und dann kochen Sie zuhause?
Ederer: Ich nicht. Mein Mann kocht, und zwar sehr gut. Es ist für unsere Beziehung besser, wenn ich mich nicht in der Küche aufhalte. Nur Abwaschen und Wegräumen werden mir zugewiesen. Daheim gibt’s für mich nur Hilfsdienste.
NEWS: Würden Sie nicht auch gern da und dort an den Herd?
Ederer: Nein, ich koche nicht gern, weil mir irgendwie um die Zeit leid ist. Man steht Stunden in der Küche, und in zehn Minuten ist dann alles weggegessen. Das ist mir irgendwie langweilig.
NEWS: Sie gelten als sehr schnelle Arbeiterin, die sehr effizient Dinge erledigt. Können Sie denn nie abschalten?
Ederer: Ich muss mich wirklich oft einbremsen, denn diese Schnelligkeit ist nicht gesund. Wenn ich beispielsweise meine über 80-jährige Mutter im Pflegeheim in Wien besuche, dann komme ich hin, bin immer noch auf Vollgas und muss mich dann herunterbremsen auf zwei Stundenkilometer. Das tut mir richtig gut. Denn sonst lebe ich schon unter einem enormen Druck.
NEWS: Ihre Familie ist ein gutes Stichwort. Sie wurden als Tochter einer alleinerziehenden Arbeiterin in Floridsdorf geboren, kommen aus einfachen Verhältnissen. Heute verdienen Sie 2,8 Millionen Euro im Jahr. Genießt man da das Geld doppelt?
Ederer: Ich habe mir nie erträumt, viel Geld zu verdienen. Aber ich führe kein wesentlich anderes Leben als vor 20 Jahren. Ja gut, meine Wohnung ist größer, aber ich kaufe immer noch ähnliche Kleidung und fahre in Wien öffentlich, habe eine Jahreskarte der Wiener Linien. Die Urlaube sind kürzer, dafür gönnen wir uns im Urlaub mehr. Aber letztlich glaube ich, wenn ich mit dem Job fertig bin, dann wird es mir nicht schwerfallen, mich ganz normal wieder ins Leben einzugliedern.
NEWS: Aber wie bleibt man da am Boden?
Ederer: Ich habe in meinem Leben so viele Menschen die Erfolgsleiter hinaufklettern und wieder runterfallen gesehen und mache mir null Illusionen, wie schnell das alles gehen kann.
NEWS: Sie lassen sich gerne mit “Gitti“ und nicht mit “Brigitte“ ansprechen. Ist diese Verniedlichung, die so ein Spitzname mit sich bringt, ein Täuschungsmanöver, um Ihre wahre Härte zu verbergen?
Ederer: Es gibt schon Menschen, die meinen, dass ich netter wirke, als ich bin. Mir als Führungskraft ist es aber wichtig, alle Leute gleich gut zu behandeln. Wenn ich bewusst in die Irre geführt werde, dann kann ich schon mal Härte an den Tag legen. Das stimmt. Sonst würde ich hier jetzt nicht sitzen.
NEWS: Wie viele Freunde bleiben, wenn man ständig unterwegs ist, und haben Sie hier in München Freundschaften aufgebaut?
Ederer: Ich habe gelernt, dass viele Menschen den Zugang nicht zu einem suchen, weil man als Mensch so gern gemocht wird. Wenn ich heute hier und da hofiert werde, dann ist das oft nicht wegen meiner Person, sondern wegen meiner Funktion, dessen bin ich mir bewusst. Da wird man natürlich vorsichtig, was Freundschaften betrifft. Ich habe das Glück, in Wien einige wenige Freundschaften pflegen zu können, die wenig mit meinem Beruf zu tun haben. Hier in München arbeite ich, da bleibt wenig Zeit, Freundschaften aufzubauen.
NEWS: Sie erwähnen immer wieder Wien. Wenn Sie sich zwischen Wiener Schnitzel und Münchner Weißwurst entscheiden müssen, worauf fällt Ihre Wahl?
Ederer: Auf jeden Fall auf das Schnitzel und Wien. Das ist die Stadt, in der ich mich bis auf die vergangenen eineinhalb Jahre dauernd aufgehalten habe. Ich habe mich in Wien und in Österreich viel herumgetrieben und bei der EU-Volksabstimmung jeden Winkel des Landes kennen gelernt. Ich war bei jeder Müttergruppe im hintersten Tal und habe die Idee des gemeinsamen Europa hingetragen. Österreich und Wien sind meine Heimat.
NEWS: Die EU und der Euro sind in einer akuten Krise, die Europa-Skepsis der Österreicher ist enorm. Ärgert Sie das?
Ederer: Das macht mich traurig. Ich glaube, man muss hier viel mehr erklären, wozu wir das gemeinsame Europa dringend brauchen. Es ist ureigenste Aufgabe der Politik, das zu tun.
NEWS: Aber wenn die Menschen nicht zuhören?
Ederer: Bei der Volksabstimmung wurde auch zugehört. Aber um den Europa-Gedanken zu erklären, muss man in der Politik dem populistischen Zeitgeist widersprechen. Das ist nicht immer einfach.
NEWS: Was Österreich zuletzt enorm beschäftigt hat, war das Thema Korruption. Auch bei Ihrem Konzern Siemens war das ein Thema, und es wurde hart durchgegriffen. Ein Vorbild für die Politik?
Ederer: Ja, Siemens hat sich von Mitarbeitern getrennt, wenn Verfehlungen begangen wurden. Das war natürlich oft schwer, denn man hat ja mit Menschen und Schicksalen zu tun. Aber bei Siemens gilt glasklar: Null Toleranz bei Korruption! Dieser Satz gilt auch für die Politik. In Österreich hoffe ich, dass die Justiz klar und sehr streng vorgeht. Das hoffe ich als Staatsbürgerin.
NEWS: Auch bei Ihnen wird dieser Job einmal vorbei sein. Haben Sie Angst vor dem Moment, an dem Sie die Macht abgeben müssen?
Ederer: Natürlich werde ich Entzugserscheinungen haben, aber ich glaube schon, dass ich problemlos in den Alltag zurückfinde. Wissen Sie, ich würde am Ende so gerne sein wie Helmut Schmidt in Deutschland: Er ist ein weiser alter Mann, und ich wäre gern eine weise alte Frau. Aber da habe ich Gott sei Dank noch ein bisschen Zeit.